Museum und Massage: Warum zwei Jobs manchmal besser sind als einer

Hubert Ringwald ist festangestellt in einem großen Museum und gleichzeitig freiberuflich als Masseur tätig. Ungewöhnlich? Widersprüchlich? Seltsam? Mitnichten. Tatsächlich ist er ein perfektes Beispiel für ein Modell des Arbeitens, das sehr viel Sinn ergibt und eigentlich schon in der Schule jedem erklärt werden sollte: Poly-Jobbing. Dahinter steht die Idee, mehreren Berufungen nachzugehen statt sich auf eine festlegen zu müssen und Berufe auszuüben, die sich – gerade wenn sie sehr anders sind – gegenseitig befruchten und tatsächlich die Arbeit besser machen können. Hier ist seine Story:

Huberts zwei Berufe

Auf der einen Seite hat Hubert einen Job, den er liebt und für den er jeden Tag dankbar ist. Er ist Referent der Geschäftsführung in der Bundeskunsthalle, einem der größten und renommiertesten Ausstellungshäuser in Deutschland. Seine Tätigkeit dort ist schon in sich richtig vielseitig. Neben der Betreuung der Aufsichtsgremien und der Organisation von Ausstellungseröffnungen ist er auch verantwortlich für Staatsbesuche, die ins Hause kommen und organisiert die zweijährlich stattfindende Ausstellung „Bundespreis für Kunststudierende“. Unser Eindruck: „Wow, ein wirklich abwechslungsreicher und spannender Job mit hohem Ansehen und vielen tollen Kontakten“.

Auf der anderen Seite ist Hubert auch Masseur nach der anerkannten Methode TouchLife. Unter dem Namen „Das Leben berühren“ bietet er 90-minütige Massagen an. Im Unterschied zu seiner Museumsarbeit also kein Büro, kein Schreibtisch und kein Computer, dafür der Fokus auf den Tastsinn und die achtsame Berührung. Massage ist ein Handwerk, eine sehr bewusste Eins-zu-Eins-Begegnung im Hier und Jetzt und vor allem laut Hubert: „ Es gibt wohl kaum eine Arbeit, mit der man einem Menschen so unmittelbar etwas Gutes tun kann wie mit dem Massieren “.

Copyright: Hubert Ringwald
Fotograf: Lars Gehrlein

Zwei Berufswege in einer Biographie

Huberts Weg zum Museumsjob war relativ gradlinig. Der entscheidende Faktor war ein Praktikum in den Hamburger Deichtorhallen während seines Studiums der Kulturpädagogik in Hildesheim. Eine Kollegin aus den Deichtorhallen, die nach Bonn gewechselt war, holte ihn 1992 zur Kunst- und Ausstellungshalle der Bundesrepublik Deutschland, die kurz vor ihrer Eröffnung stand. Heute heißt das Haus weniger sperrig Bundeskunsthalle. Er fing als Projektassistent mit einem Honorarvertrag an und wurde, nach einem weiteren Projektvertrag zum Assistenten des damaligen Geschäftsführers. Vor dem Wechsel in die Geschäftsführung nahm er sich jedoch noch eine dreimonatige Auszeit, um sein Studium abzuschließen.

Zur Massage kam er eher per Zufall: Bei einem Seminar gab es eine Übung am Massagetisch, bei der er merkte, dass er sich dabei super fokussieren konnte und einen Flow-Zustand erlebte. Diese Erkenntnis wurde von der Rückmeldung durch andere und vor allem durch die Seminarleiterin bestätigt. Nach ausgiebiger Recherche und einem Schnupper-Seminar entschied er sich dann für die einjährige Ausbildung in der TouchLife-Methode, allerdings zunächst „ohne das Ziel einen neuen Beruf zu erlernen“. Vielmehr ging es ihm um das Kennenlernen und das Handwerk. Die Ausbildung hat ihn dann wirklich begeistert und auch sein Leben verändert. Neben der Massage ging es in den Modulen
nämlich ebenso um Themen wie Achtsamkeit, Vertrauen und Körpererfahrung.

Nach dem erfolgreichen Abschluss der Ausbildung im Frühjahr 2016 ist Hubert nun auch beruflich Masseur. Er sagt aber ganz deutlich: „Die Massage ist deswegen so besonders und hat eine so wichtige Qualität für mich, weil sie nicht mein Hauptberuf ist.“ Auf seiner Website stellt er diesen Punkt auch aus Sicht des Kunden vor: „Ich massiere aus Freude und Leidenschaft. Dass ich die Massage nebenberuflich ausübe, hat für Sie den Vorteil, dass ich die Behandlungstermine abends und am Wochenende vereinbare. Außerdem vergebe ich nur einen Massagetermin pro Abend. Sie müssen deshalb nie warten und kommen sofort dran. Meine Aufmerksamkeit gehört nur Ihnen.“

Hauptjob und Nebenjob: Ein Zukunftsmodell

Genau wie Hubert geht es vielen unserer Kunden – sowohl Einzelpersonen in unseren JobCamps als auch Mitarbeitern in Unternehmen, die wir beraten: Sie sind zu vielseitig für nur eine Karriere! Dazu kommt, dass viele Jobs gerade dann als besonders gut erlebt werden, wenn sie nicht das Leben dominieren und noch ergänzt werden – besonders durch etwas Gegensätzliches. Huberts Geschichte löst bei den meisten Menschen erstmal Überraschung aus: „Massage und Museum??? Wie geht das zusammen?“ Tatsächlich verstehen dann aber eigentlich alle das, was wir oben beschrieben haben, recht intuitiv: Ausgleich und Ausgewogenheit fehlen den meisten Menschen im Berufsleben, sie suchen das dann im Privaten, im Ehrenamt oder im Sport. Dass jemand wie Hubert seine Vielseitigkeit in zwei Berufen findet, leuchtet ein.

Das Rezept, zwei Berufe mit ganz unterschiedlichen Profilen zu verbinden, ist für uns ein Zukunftsmodell – ein Konzept, das Menschen ganzheitlicher arbeiten lässt, von dem beide Berufe profitieren und das variabel ist. In einer Arbeitswelt, in der sich Menschen eine nebenberufliche Tätigkeit oft von ihrem Arbeitgeber erlauben lassen müssen, wäre es doch vielleicht eine schöne Idee, wenn stattdessen Arbeitnehmer ermutigt werden würden, noch einen anderen Beruf zu erlernen – möglichst anders, möglichst komplementär, möglichst erfüllend: eben wie Museum und Massage.

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2 Kommentare. Hinterlasse eine Antwort

  • Frank B. Leder
    3. Mai 2019 7:37

    Sehr wegweisend, mehrere Talente und Beruf(ungen) im Leben so sinnvoll zu integrieren. Mögen noch viel mehr Menschen den Mut finden, nicht nur für Geld sondern wegen der Freude an der Verwirklichung ihrer Ideen und Begabungen zu arbeiten.

    Antworten

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