Warum sind Skandinavier auch auf der Arbeit so glücklich?

Maike van den Boom hat für ihr Buch „Acht Stunden mehr Glück“ nach Antworten gesucht und ist dann tatsächlich selber nach Schweden gezogen. In unserem Interview erklärt Maike uns, wieso es in Skandinavien sogar auf der Arbeit besser läuft als bei uns.

Robert: Wie bist du auf die Idee gekommen, das Buch zu schreiben?

Maike: Als ich mein erstes Buch „Wo bitte geht‘s zum Glück“ 2016 geschrieben habe, bin ich in die 13 glücklichsten Länder der Welt gereist. Dabei habe ich natürlich auch die nordischen Länder besser kennengelernt – denn sie sind ja in den Glücks-Ranking traditionell ganz oben vertreten. Ich habe von Glücksforschern erfahren, dass die Werte und Prinzipien, die Leute glücklich machen, grundlegende Themen wie Freiheit, Vertrauen, Zusammenhalt und Freiheit sind – nur werden diese sobald man zur Arbeit geht, abgelegt. In Skandinavien aber nicht. Dort habe ich nie etwas gehört wie hier in Deutschland: „meinen Mitarbeitern vertraue ich nicht“. Daraus ist die Fragestellung entstanden, das Arbeitsleben dort genau anzuschauen und nachzuhören, ob die Menschen im Norden auch auf der Arbeit so glücklich sind.

Robert: Das klingt spannend. Intuitiv würde ich sagen: ja, da läuft es definitiv anders als bei uns. Was sind denn die Rahmenbedingungen, die du dir gesetzt hast?

Maike: Ich habe über zwei Jahre 30 Unternehmen in Schweden, Dänemark und Norwegen besucht. Dabei habe ich mit ganz unterschiedlichen Menschen gesprochen – vom Bauarbeiter bis zum Vorstand-Vorsitzenden, von der Krankenschwester bis zur Wissenschaftlerin.

Robert: Und kannst du uns schon mal ein Beispiel für eine wichtige Erkenntnis geben, bevor wir die im Gespräch vertiefen?

Maike: Sehr gerne. Also ganz wichtig: Es gibt keine Trennung zwischen „Mensch außerhalb der Arbeit“ und „Mensch auf der Arbeit“. Du bist so, wie du bist. Du gehst mit den Kollegen so um wie du auch mit deinen Freunden umgehst. Das ist wirklich eine Art holistischer Ansatz, den man schon in der Schule lernt. Es geht um dich als ganzen Menschen. Wir wollen dich mit allem, was du kannst und allem, was du nicht kannst. Da wird nichts ausgeklammert.

Robert: Was bedeutet das konkret im Alltag?

Maike: Ich habe eine enorme Flexibilität gegenüber deinen Mitarbeiter wahrgenommen – und erlebe sie heute noch in Schweden jeden Tag. Wenn deine Tochter krank ist, dann ist das ein Teil von dir und dann sagst du das und jeder versteht das. Das bringt mich zu einem Riesen-Unterschied vom Verständnis in Bezug auf Eltern: Wenn du in Deutschland Kinder hast, dann denken alle: oh, die wird jetzt weniger arbeiten. In Skandinavien wird Kinder zu haben als ein enormes Weiterbildungspotential gesehen – und deswegen auch gefördert. Kinder sind positiv und sie bringen Menschen weiter. Dann findet man auch eine Lösung.

Robert: Also ein viel positiveres Menschenbild?

Maike: Ganz genau. Sachen werden erstmal angeschaut und nicht gleich eine Meinung rausgehauen. Also mal ganz persönlich: Ich kann keine Rechtschreibung und ich kann dennoch ein Buch schreiben. Das glaubt dir doch in Deutschland niemand. Hier wird gefragt, was kannst du gut und was du nicht kannst, dafür holen wir jemanden, der dich ergänzt. Das geht nur, wenn man den ganzen Menschen sieht und Menschen sich gegenseitig ergänzen können. Teamwork kriegt da eine ganz neue Bedeutung. Eine ganz wichtige Lektion: du musst dich nicht verbiegen und auch keine Angst vor Fehler haben. Ich sage immer: Es gibt hier keine Fehlerkultur, weil man macht keine Fehler. Man hat nur Abweichungen – das ist ein ganz anderes Denken als in richtig und falsch zu kategorisieren. Die Menschen denken ganz anderes darüber, wenn etwas anders als geplant verläuft. Man versucht zu verstehen, woran es liegt – statt schwarz-weiß. Menschen fragen warum und immer weiter warum, weil sie es verstehen wollen.

Robert: Wie Kinder? Wie Pippi Langstrumpf?

Maike: Genau – ich gebe zu, dass es manchmal anstrengend ist, wenn du hier tausend mal „Warum?“ hörst, aber nur wer fragt, kriegt Antworten und versteht den Sinn und die Gründe und dann kann man besser zusammenarbeiten. Man kann alles in Frage stellen! Und das ist gut so!

Robert: Und wieso funktioniert das so gut? Machen alle einfach mit?

Maike: Ja, weil es kulturell verankert ist und in der Schule schon losgeht. Und weil es ein gemeinsames Verständnis gibt dafür – es gibt einfach keine Meetings nach 15 Uhr zum Beispiel. Oder wenn du als Produktionsmitarbeiter eine geile Idee hast, dann gehst du zum CEO. Wer mal joggen will oder schlafen muss für ne Viertelstunde Power-Nap, der macht das einfach. Nicht „das Unternehmen“ hat diese Kultur, sondern die Menschen machen das, einfach so. Und alle machen dabei mit. Keine dummen Bemerkungen, wenn einer später kommt, sondern die Annahme, dass der einen guten Grund hat. Und das macht einen riesen Unterschied, wirklich.

Robert: Und was meintest du konkret, als du meintest, Arbeit und Leben seien nicht so stark getrennt?

Maike: Also ich habe ja lange in ganz unterschiedlichen Berufen in Deutschland gearbeitet. Und das Arbeit und Leben hier so stark getrennt wird, das ist verständlich, wenn die Chefs einen kontrollieren und du ein ganzen anderes Gefühl auf der Arbeit hast als zuhause. Ein Beispiel: in Schweden ist es so, du schickst eine Mail, wann du willst, aber wann der andere antwortet, ist dir egal. Da guckt keiner darauf, wie das wirkt. Es herrscht eher Geben und Nehmen auf beiden Seiten. Wir machen eh alles in Teams hier.

Robert: Das klingt alles so kuschelig und gemütlich. Warum (um mal wie ein echter Skandinavier zu fragen) machen die das denn so? Um sich alle besser zu fühlen?

Maike: Das ist nur das sehr angenehme Nebenprodukt. Im Prinzip ist das alles mit dem Ziel Effizienz. Die wird hier allerdings nicht in Zeit gemessen, sondern in Energie. Die Basis ist Vertrauen. Die Arbeitgeber und Chefs denken schon: Du sollst lange hier arbeiten. Aber nicht in Stunden pro Tag – sondern dein Leben lang. Und dann sind Überstunden ineffizient. Vor allem nicht zu viel arbeiten – dann machst du Fehler und das wird teuer. Nur wer sich wohl fühlt und gerne da ist, der bleibt lange und ist lange produktiv.

Robert: Das klingt alles super – am liebsten würden jetzt alle nach Schweden umziehen. Oder gibt es etwas, was man hier tun kann in Deutschland?

Maike: Eigentlich sind es ganz einfache Rezepte. Ich nenne mal ein paar:
Anstatt in Zeit zu denken auf Resultate zu achten.
Nicht in Aufgaben denken, sondern was man erreichen will.
In den Dialog gehen – viel miteinander reden.
Öfter mal Warum fragen.

Robert: Tolle und wichtige Tipps. Und wie kriege ich das in der Praxis gut hin?

Maike: Eine ganz einfache Regel lautet: Bei allem, was ich sagen will, einfach mal überlegen: wie würde ich das einem guten Freund sagen? Eine der wichtigsten Erkenntnisse, wenn man hier nach Schweden kommt, ist: Die sind alle unglaublich nett. Meine Tochter sagt das auch von der Schule.

Robert: Gutes Stichwort. Liegt die Grundlage für das gute Miteinander in der Schule?

Maike: Total. Das wäre auch eine ganz wichtige Botschaft nach Deutschland, die mir persönlich sehr am Herzen liegt: Schenkt den Kindern mehr Vertrauen! Lehrer hier sind nicht autoritär, sondern eher Freunde. Obwohl es kaum Regeln gibt, sind alle nett und ruhig miteinander. Klingt paradox, oder? Die Idee ist, Kinder zu vollständigen Menschen zu machen, damit die nicht Wissen horten müssen oder ihre Ellenbogen einsetzen müssen. Wenn man zum Beispiel hier in Stockholm in der Schule eine Prüfung versemmelt hat, kann man sie nochmal schreiben. Gar kein Problem. Denn es geht nicht darum, in einer Prüfungssituation zu glänzen, sondern es wirklich verstanden zu haben.

Robert: Sind das denn Dinge, die überhaupt in Deutschland gehen? Sind wir als Gesellschaft (leider) einfach zu anders?

Maike: Natürlich ist hier vieles anders. Eine Idee, die es hier überhaupt nicht gibt, ist dieses seltsame Sprichwort „Wissen ist Macht“. Versteht hier keiner, denn Wissen wird geteilt! Deswegen fragen die auch nach. Du erinnerst dich: Warum? Man teilt seine Erkenntnisse und freut sich gemeinsam statt zu neiden. Warum soll ich neidisch sein auf jemanden? Wenn du gut bist, dann kann ich mich einfach drüber freuen und auch von dir lernen.

Robert: Was würdest du dir für Deutschland politisch wünschen?

Maike: Echte Gleichberechtigung – also zum Beispiel das Ehegatten-Splitting abschaffen. Hier ist es so: Wenn du als Mann keinen Vaterschaftsurlaub machst von mindestens sechs Monaten, dann ist das echt uncool. Von dieser Flexibilität und Gleichberechtigung profitieren hier alle. Und für Unternehmen habe ich noch eine Botschaft: Wenn du acht Stunden deines Tages die Person verlassen sollst, die du liebst, dann brauchst du einen echt guten Grund dafür – nicht nur Geld. Diesen Grund müsst ihr liefern.

Und mehr zu diesen spannenden Themen findet ihr in Maikes Buch “Acht Stunden mehr Glück. Warum Menschen in Skandinavien glücklicher arbeiten und was wir von ihnen lernen können”.

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